Samstag, 5. Mai 2012

Gedanken zur Sitzordnung (1)

Vor dem ersten Schultag beschäftigte mich die Frage, nach welchen Kriterien ich die Sitzordnung festlegen werde. Gar nicht so einfach, denn es gibt doch sehr viele Möglichkeiten, eine Sitzordnung zu entwickeln. Auch das Mobiliar und die räumlichen Gegebenheiten spielen natürlich dabei eine Rolle.

Ich hatte das große Glück, dass ich mir für den Neubeginn Möbel wünschen durfte, da im Fundus nicht mehr ausreichend Bänke bzw. Sitzklötze und Tische vorhanden waren. So entschied ich mich für diese Sitzbänke, die nun gleichzeitig Balancier-, Bau- und Spielmöglichkeit, Tische und Sitzbänke sind. Ich hatte mich vorher bei einigen LehrerInnen an anderen Schulen nach Vor- und Nachteilen dieser Bänke erkundigt. Was ich als Anregung mitnahm, war, die Bänke etwas länger bauen zu lassen, damit man auch zwei A4 Hefte im Querformat ohne Schwierigkeiten gleichzeitig öffnen und in ihnen arbeiten kann. Trotzdem sollten die Bänke für 1. Klässler aber noch gut tragbar bleiben. Jetzt nähert sich das erste Schuljahr mehr und mehr dem Ende und die Kinder und ich sind immer noch sehr zufrieden mit unseren Bänken und Sitzkissen und den vielen Möglichkeiten, die damit entstehen.

Rudolf Steiner regte unter anderem in den Seminarbesprechungen und Lehrplananregungen eine Sitzordnung nach Gesichtspunkten der Temperamente an.
Ebenso wirken aber auch die Kinder aufeinander. Und das ist das Eigentümliche: wenn man Kinder in vier Gruppen von gleichen Temperamentsanlagen einteilt und die gleichartigen nebeneinadersetzt, so wirken diese Anlagen nicht verstärkend, sondern aufhebend.“
In den Konferenzen mit den Lehrern der Freien Waldorfschule führt er aber auch aus, dass Kinder, die mehr Hilfe benötigen, vorn in der Nähe des Lehrers sitzen sollten. Selbst diese beiden Anregungen unter einen Hut zu bekommen, ist schon nicht immer ganz einfach.

Zwar hatte ich fast alle Kinder bereits vor der Einschulung über eine kurzen Eindruck beim Aufnahme hinaus kennengelernt, doch war mir deutlich, dass die ersten Ahnungen der Temperamente der Kinder nicht mein einziger Leitpunkt sein konnte, ich ihn  aber mit bedenken wollte. Außerdem hatte ich mir vorgenommen, mit den Möglichkeiten einer festen und einer freien Sitzordnung flexibel umzugehen.

So habe ich mich bereits vom ersten Schultag an für diese Variante entschieden:
Im Morgenkreis, in der Frühstücksrunde und zur Märchenzeit gibt es eine freie Sitzordnung. Die einzige Bedingung, die beim Sitzen auf den Bänken gilt: es dürfen immer nur drei Kinder auf einer Bank sitzen. Schnell waren sich die Kinder auch einig, keiner darf immer zurückstecken müssen und deshalb traurig werden. So sind sie sehr achtsam miteinander, dass jeder immer wieder einmal auf den Lieblingsplätzen sitzen darf. Die Lieblingsplätze sind neben Bobby, unserem Klassenhund, der in seinem Körbchen zwischen zwei Bänken sitzt und neben mir bzw. neben der Schulassistenz eines Kindes. Im Arbeitsteil, beim Wasserfarben malen, in der Handarbeit ist die Sitzordnung hingegen von mir festgelegt. So können die Kinder immer wieder die Begegnung in ganz verschiedenen Konstellationen miteinander üben, aber wenn wir mit dem Epochenteil beginnen, weiß jedes Kind, wo sein Platz ist. Einige Kinder in der Klasse brauchen diese Sicherheit, andere freuen sich an der täglich neuen Wahlmöglichkeit. Ich erlebe, dass es für die Kinder, denen es wohl tut, einen festen Platz zu haben, auch heilsam sein kann, sich an einen Wechsel zu gewöhnen. So, wie es für die Springinsfelde gut ist, ganz klar zu hören, jetzt aber ist dein Platz dort, genau dort. Beidem wird innerhalb unserer Tagesgestalt so Rechnung getragen.

Bei der Festlegung der Sitzordnung war es mir wichtig, dass es eine gute "Durchmischung" der Kinder gibt. Mehr als die Hälfte der Kinder kannte sich bereits aus einem gemeinsamen Jahr in unserer Schuleingangsstufe. Hier waren die ersten z. T. sehr intensiven Freundschaften und Verbindungen entstanden und natürlich auch bestimmte soziale Dynamiken, viele sehr lichtvoll, aber natürlich auch andere. Mir war es ein Anliegen, dass es immer wieder Gelegenheiten gab, sich ganz neu kennenzulernen.

Nachdem ich ganz praktisch ausprobiert hatte, wie sich die Bänke am besten zur Tafel hin aufstellen lassen, habe ich überlegt, für welche Kinder es unbedingt notwendig ist, dass sie ganz in meiner Nähe sind. Dann war meine nächste Überlegung, welche Kinder bereits so viel Sicherheit ausstrahlten, dass sie gut ganz hinten sitzen können. Das Sitzen in der letzten Reihe braucht einige Kräfte vom Kind, vor allem wenn hinter dem Kind auch noch "ein größerer leerer Raum bis zur Wand zu füllen ist". Wenn das Kind also keine direkte Begrenzung und Umhüllung erfährt. Außerdem braucht es die Kraft, im Unterrichtsgespräch den Abstand bis zum Lehrer zu überbrücken. Beim Hefteintrag o. ä. direkt zu helfen, ist für mich bei den Kindern, die ganz hinten sitzen, nicht so leicht nebenbei möglich, so dass es bei den Kindern auf den Sitzplätzen hinten auch mehr Selbstsicherheit und Vertrauen in das eigene Können braucht. Das Kind, dass von einer Schulassistenz begleitet wird, sitzt jedoch auch hinten. So gibt es für die beiden mehr Flexibilität und Bewegungsmöglichkeiten, ohne dass es die anderen Kinder stört. Spannend im Rückblick für mich, dass für die Mitte genau die Kinder übrig blieben, denen ein dazwischen sein, sehr gut tut. Auch interessant, dass es überwiegend die Jüngsten sind, die jetzt in der Mitte sitzen, dass die Ältesten ganz hinten sitzen und die Mittleren vorn bei mir. Weiterhin habe ich darauf geachtet, dass die Brückenklassenkinder einen Sitznachbarn bekamen, mit dem sie noch nicht vertraut waren. (Neben dem besten Freund / Freundin kann man immer in der freien Sitzordnung sitzen.) Gerade diese Neudurchmischung tat dem Zusammenwachsen der Klasse sehr gut.

Wenn ich nun auf die Temperamente der Kinder blicke, so habe ich das Prinzip der Temperamente für die Sitzordnung nicht durchgängig durchgehalten. Alle denkbaren Prinzipien anzuwenden ist wahrscheinlich schwieriger als das Zahlenschiebepuzzle meiner Kindertage zu lösen. Ich erlebe aber die Sitzordnung für meine Klasse als sehr stimmig. Deshalb habe ich sie das ganze Schuljahr noch nicht verändert. Aber immer vor den Ferien gibt es einen "Wunschsitzordnungstag", an dem die Kinder auch im Arbeitsteil die Sitzordnung selbst festlegen.

Während des Arbeitsteils des Hauptunterrichtes sitzen die Kinder eigentlich immer frontal zur Tafel. (In der Mittelstufenzeit meiner alten Klasse hatte ich das anders gelöst, weil mir für die Schülerinnen und Schüler ein Gesprächsraum miteinander und nicht nur zu mir und den Hinterköpfen der Klassenkameraden wichtig war.) Für die erste Klasse erlebe ich das jedoch als gut, denn die jüngeren Schulkinder suchen noch nicht diese Art von Gespräch. Beim Wasserfarben malen, in der Handarbeit u. ä. stehen die Bänke dann als großes U, so dass man zu allen Kindern gleichermaßen gut kommt und ihnen helfen kann.

(Fortsetzung hier)

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