Samstag, 18. August 2012

Vorbereitung und praktischer Anfang im Rechnen (Rechnen Anfangsunterricht Teil 4)

Fortsetzung von hier, hier und hier

Hier nun endlich der schon lang versprochene Einblick in die erste Rechenepoche, die im Januar stattfand. In den folgenden Post werden auch viele Hefteinträge zu sehen sein, obwohl sie nicht der Schwerpunkt des Rechenunterrichtes waren.


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Vorbereitend auf die Epoche hatte ich mich intensiv mit der Didaktik der Mathematik beschäftigt. Spannend als mein Leitmotiv fand ich die Aussage eines von mir geschätzten Kollegen, der meinte, dass mit der ersten Begegnung mit dem Mathematikunterricht das persönliche Verhältnis zur Mathematik entsteht und die Basis für alles Mathematisieren in den folgenden Klassen entsteht. In der ersten Klasse werden grundlegende mathematische Prinzipien vermittelt. Oder eben nicht, wenn man bemerkt oder unbemerkt nur im Zählen verweilt.

Als Erstes las ich viele verschiedene Äußerungen Steiners zum Rechenunterricht. Immer wieder findet sich die Anregung, verstärkt das analytisch Denken durch denn Rechenunterricht anzuregen (siehe auch hier) und das rein additive Zählen erst an zweiter Stelle stehen sollte.

Was weiß man inzwischen über den Umgang mit einer Rechenschwäche? Wodurch kann sie verursacht werden? Wie kann sie vielleicht so gar überwunden werden? Oder gibt es didaktische Ursachen, die man gleich von Anfang an vermeiden kann? Fragen über Fragen... Hilfreich für mich erwies sich die Zeitschrift Kopf oder Zahl vom Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche.
Viele Ideen von Christine Buchner aus ihrem Buch "Neues Rechnen, neues Denken" waren für mich und meine Arbeit sehr anregend.

Hilfreich waren auch die Ideen von Tobias Schaumann zum künstlerischen Umgang mit der Mathematik im zweiten Jahrsiebt, die man als Manskript direkt bei ihm beziehen kann.

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Da ich das ganze erste Schuljahr montags immer mit den Kindern nach dem gemeinsamen Singen mit allen Unterstufenklassen im Wald unterwegs war, begann die eigentliche Rechenepoche am Dienstag. Bereits im Dezember hatten wir im rhythmischen Teil immer wieder vorwärts und rückwärts gezählt, meist bis 10, 12 oder 20. Manchmal aber auch bis 100. Auch gerechnet hatten wir bereits, wenn es sich anbot. Von Anfang an unterschied ich mit den Kindern das Rechnen und das Zählen. Es war/ist immer in Ordnung eine Fragestellung auch zählend zu lösen, wenn dies denn überhaupt möglich war. Aber bald entdeckten die Kinder, vor allem die, die zuvor immer gezählt hatten, dass das Rechnen nach einiger Übung viel schneller geht als das Zählen und weniger Fehler entstehen. Immer mehr Sicherheit entstand.

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Am ersten Tag mutschelten wir. Die Mutschel ist ein Gebäck aus Reutlingen, um das dort traditionell am ersten Donnerstag nach dem Dreikönigstag gewürfelt wird. Drei Mütter hatten uns die entsprechende Anzahl Mutscheln gebacken. Und wir würfelten, würfelten, würfelten und zählten die Augen zusammen bis sich alle Kinder eine Mutschel erkämpft hatten, die wir anschließend beim gemeinsamen Frühstück verspeisten. Die Eine oder der Andere nahm seine Mutschel auch mit nach Hause, um dort mit den Eltern zu mutscheln.

Die meisten Kinder hatten schon vorher Würfelspiele gespielt und waren mit den Würfelzahlen vertraut. So fanden alle einen Einstieg in das Rechnen. Die Würfelzahlen begleiteten uns durch beide Epochen. Sehr schnell konnten alle Kinder den Mengenwert erkennen, für den eine bestimmte Würfelzahl steht. Gerade für Kinder, die es noch schwer hatten, Ziffern als Zeichen zu bestimmten Zahlenwerten zuzuordnen, waren die Würfelaugenzahlen eine hilfreiche Brücke.

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Bereits bei meiner alten Klasse lautete das erste "Gesetz" der Mathematik:
"Gut geschrieben, ist schon halb gerechnet."
Da ich natürlich große Vorbildwirkung für die Kinder habe, galt es für mich, bei jedem Tafelanschrieb dieses "Gesetz" zu beachten. Ich entschied mich gegen die verbreiteten "Waldorfgewohnheit" die arabischen Ziffern, mit den römischen Zahlen einzuführen.  Statt dessen benutzten wir, wie schon erwähnt, Würfelaugenzahlen sowie Strichzahlen (und natürlich Ziffern). Bei den Würfelzahlen und den Strichzahlen ist immer die Bezugsgröße die 5. In unserem Zahlensystem, das ja auf der 10 und den Vielfachen von 10 beruht, ist die 5 als die Hälfte von 5 eine wichtige Bezugsgröße.

Schreibt man die Zahlen als Strichlistenzahlen, so ist schnell ersichtlich, wieviel z. B. bei 3 fehlen, um 5 zu haben. Oder aber auch, wieviel noch an 100 fehlen, wenn beim Kegeln schon 87 Striche an der Tafel sind. (Dazu ein anderes Mal mehr.)

Welche starke Wirkung der strukturierte Aufschrieb hatte, ließ sich immer wieder beobachten, wenn ganz plötzlich sich jemand meldete, um seine Entdeckung den anderen mitzuteilen. Und zu entdecken gab es viel...

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Den Schwerpunkt der beiden Rechenepochen bildete aber das Kopfrechnen, dass ich demnächst sicher ausführlicher beschreiben werde.


1 Kommentar:

Eva hat gesagt…

Diese Strichlistenzahlen habe ich auch benutzt, doch auch die römischen Zahlen, aber nur bis 12. Hier macht man alles immer in Zwölferschritten, auch das kleine Einmaleins geht bis zu 12, das das amerikanische System ja nicht metrisch ist.

Kopfrechnen war schon in der ersten Klasse meine Schwäche und ich kann es noch immer nicht. Mein Jonathan macht alles im Kopf: Brüche, Prozente, schriftliches Addieren und Subtrahieren und jetzt Algebra. Es schreibt die Dinge überhaupt nicht gerne auf und man kann auch kaum lesen, was er schreibt, aber es stimmt immer! Das hat er nicht von mir. Ich habe als Kind immer alles ordentlich geschrieben, aber es trotzdem nicht verstanden. Vielleicht sollte ich nochmals bei Dir in den Rechenunterricht gehen ... Ich habe aber auch durch meine Kinder sogar im Rechnen neue Dinge gelernt.

Ich wollte Dir noch sagen, daß ich noch ein paar Gedanken zu den Heiligen auf dem Markt als Kommentar bei mir hier für Dich geschrieben habe.

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