Samstag, 17. Januar 2015

Märchen vom Licht

z.B. zum Erzählen vor dem Adventsgärtlein:

Es war einmal ein König, der hatte zwei Söhne...
Nun hatte es sich ergeben, dass der König alt geworden war. Es galt, einen würdigen Nachfolger zu finden. Der älteste der beiden Söhne plädierte auf sein Erstgeburtsrecht. Doch der König kannte seine Beiden und wollte, dass der weisere sein Nachfolger würde.

So stellte er ihnen eine Aufgabe: "Hier seht ihr meine große Königshalle. Wer von euch beiden es schafft, die Halle bis zum Dach zu füllen, der soll mein Nachfolger sein. Ihr habt bis zum Abend Zeit. Ich gebe jedem von Euch ein Silberstück mit auf den Weg."

Die beiden Söhne brachen auf. Nun, ein Silberstück war nicht gerade viel. Was sollte man davon kaufen, dass es die ganze Halle des Vaters füllen würde? Die jungen Männer trennten sich.

Der ältere ging den Weg über die Felder und traf eine Schar Bauern, die gerade beim Dreschen waren und das leere Stroh auf große Haufen schichteten. "Das kommt mir gerade recht", dachte der Prinz. "He, ihr Bauern, ich gebe euch ein Silberstück, wenn ihr mir das Stroh in die Halle des Königs bringt." Die Bauern, froh, mit dem leeren Stroh ein Geschäft zu machen, luden es auf ihre Karren und fuhren es zum Schloss. Die Halle war schnell gefüllt und der Sohn sagte zu seinem Vater: "Ich habe die Aufgabe gelöst. Mache mich zu deinem Nachfolger." "Nicht so eilig", erwiderte der König, "noch ist nicht Abend."

Der jüngere Sohn war in die Stadt gegangen. Er dachte über die Aufgabe nach, doch es wollte ihm nichts Passendes einfallen. Da kam er an eine Kirche und sah auf den Stufen einen Bettler sitzen. "Ach gebt mir doch, gebt mir doch, ich habe solchen Hunger." Der Prinz hatte Mitleid und gab sein Silberstück dem Bettler. Dieser, außer sich vor Glück, gab dem Königssohn eine Kerze, die er zuvor von einer armen Witwe geschenkt bekommen hatte. "Geld habe ich nicht, aber diese Kerze will ich dir geben, damit sie dein Leben heller macht", hatte sie gesagt.

Der Prinz ging weiter, mit der Kerze in der Hand. "Ja, das ist die Lösung", dachte er, steckte die Kerze in die Tasche und kehrte zu seinem Vater heim. Das Stroh hatte man inzwischen wieder aus der Halle geschafft. Schließlich war es eine Königshalle und keine Scheune. Der Ältere sah seinen kleinen Bruder kommen und spottete: "Schau Vater, dieser Nichtsnutz. Gar nichts hat er mitgebracht. War den ganzen Tag unterwegs und hat sich an der schönen Welt erfreut. Der kann nicht dein Nachfolger werden."

Der junge Prinz holte die Kerze aus seiner Tasche, stellte sie in die Mitte der Halle und zündete sie an. "Sieh, Vater, die Kerze füllt deine Halle bis unter das Dach und bis in jeden kleinsten Winkel mit Licht."

Da wusste der König, wer sein Nachfolger wird.

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